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Interview mit Martin Striegel: „Angst vor Bürgerkrieg und Siegerjustiz“ (mdr.de)

 

(mdr.de) Der MDR-Film „Ukraine – wohin? Ein Land im Ausnahmezustand“ porträtiert Menschen, die – jeder für sich – für eine andere Vision von der Zukunft der Ukraine stehen. Ein Interview mit Co-Autor Martin Striegel über seine Beobachtungen in der Ukraine.

MDR: Wo haben Sie halt gemacht in der Ukraine und was war das Ziel des Films?

Martin Striegel: Der Film soll einen Überblick über die Vielschichtigkeit des „ukrainischen Problems“ geben. Einerseits die Ost-West-Dichotomie in der Ukraine, andererseits die unterschiedlich liegenden Interessenkonflikte zwischen der EU und Russland und schließlich auch von den eigentlich Betroffenen erzählen – den Ukrainern. Ich war bei diesem Film für den ostukrainischen Teil verantwortlich und habe die sogenannten Separatisten in Donezk wie auch pro-ukrainische Aktivisten und Weltkriegsveteranen in Dnepropetrowsk besucht.

Welche Beobachtungen haben Sie während Ihres Besuchs gemacht?

Wir waren genau während des ersten Militäreinsatzes in der Ukraine unterwegs. Das hat uns sehr erschüttert, dass die Übergangsregierung ihre Drohung wahr macht und wirklich Militär gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Zumindest zu diesem Zeitpunkt waren, nach meinem Eindruck die Besetzer der Donezker Gebietsverwaltung noch sehr unorganisiert und kaum bewaffnet und viele Aktivisten sahen sich zu der Zeit noch eher als Föderalisten denn als Separatisten. Das hat sich nach den Ereignissen in Odessa und Mariupol sehr geändert. Sowohl der Militäreinsatz als auch die Ausschreitungen in den beiden Städten haben viele Menschen im Osten radikalisiert und die Spaltung verschärft.

Wie ergeht es den Menschen in der Ukraine, denen Sie begegnet sind?

Die Menschen im Osten haben Angst. Aber nicht nur vor bewaffneten Separatisten, sondern vor allem vor einem Bürgerkrieg und einer Siegerjustiz. Kaum jemand mag offen sprechen, viele Fragen werden lieber nicht beantwortet. Man hat Angst, für seine Meinung einmal die Konsequenzen tragen zu müssen.

Was macht die Ukraine so interessant für Russland und die EU?

Aus meiner Sicht ist die Ukraine für die EU vor allem als Absatzmarkt interessant: Mehr als 45 Millionen neue Konsumenten und kaum wirtschaftliche Konkurrenz. Für Russland ist die Ukraine einerseits als Symbol wichtig. Andererseits wäre die Ukraine für die Eurasische Union durch ihre wirtschaftliche Stärke eine maßgebliche Stütze.

In der Berichterstattung werden gern alte Muster vom „Kalten Krieg“ beschworen. Das scheint die Situation jedoch nur unzureichend zu beschreiben. Wie beurteilen Sie das?

Spätestens seit den Ereignissen auf der Krim im März 2014 ist wohl allen klar, dass der Ukraine-Konflikt vor allem auch ein Medienkonflikt ist. Da ist unsere Berichterstattung nicht viel besser als die russische und die ukrainische. Es ist unglaublich schwer, sich ein differenziertes Bild zu schaffen. Selbst wenn man vor Ort ist. Diffamierende und pejorative Benennungen der jeweils anderen Seite sind da wenig hilfreich. Weder sind die „Maidaner“ alle Ultranationalisten noch die „Anti-Maidaner“ alle russisch bezahlte Terroristen.

Stellt die Ängstlichkeit Europas und seine Konzentration auf eigene Interessen wie auf geopolitische Ziele die europäische „Vision von Multilateralismus“ (Jean-Marie Guéhenno) in Frage?

Das hoffe ich nicht. Die Interessen der EU und die Interessen Russlands sind langfristig doch auch gemeinsame Interessen. Wirtschaftlich wie politisch oder ethisch. Die sogenannten geopolitischen Interessen beider Seiten stören da schon mehr. Doch selbst hier halte ich eine langfristige Annäherung für wahrscheinlich.

Berichtet wird von maskierten Typen mit Eisenstangen, Helmen und Schutzschilden in der Ostukraine. Der prorussische und proukrainische Mob bekriegen sich auf den Straßen. Entgleitet der entfesselte Nationalismus? Kann ihn Putin jemals wieder einfangen?

Das stimmt ja so nicht ganz. Bisher ist der Mob glücklicherweise nur selten auf den Straßen aufeinander getroffen. Dann aber mit fatalen Folgen wie in Odessa. Außerdem denke ich, dass wir schwerlich von einem entfesselten Nationalismus in der Ukraine sprechen können. Ultranationalistisches Gedankengut ist in der Ukraine immer noch eine Randerscheinung. Meiner Meinung nach ist die viel zitierte Ost-West-Dichotomie weniger ein ethnisches als weltanschauliches Problem.

Wie würde die Welt mit einer Eurasischen Union, Putins Großprojekt als Gegenentwurf zur EU, aussehen?

Das weiß ich nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es eine Art GUS mit stärkerer wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und militärischer Zusammenarbeit wäre, die den dort lebenden Menschen das Leben erleichtert, uns aber nicht schadet.

Journalisten geraten immer mehr zwischen die Fronten, werden bedroht und verhaftet. Wie schätzen Sie die Lage der internationalen Pressevertreter in der Ukraine ein?

Ich habe im April 2014 keine schlechten Erfahrungen gemacht und wurde auch immer respektvoll behandelt. Das dürfte heutzutage nicht mehr so einfach sein. Alle Seiten haben begriffen, dass es eben auch eine Propagandaschlacht ist und Journalisten berichten entweder für die jeweilige Seite oder gar nicht. Das kann jetzt auch gefährlich werden. Das ist zumindest mein Eindruck.

Wohin geht die Reise – Spaltung, Angliederung an Russland, Einheit, Bürgerkrieg?

Eine einheitliche, zentral verwaltete Ukraine wie wir sie bis letzten Winter kannten, kann ich mir gerade kaum noch vorstellen. An einen ausufernden Bürgerkrieg möchte ich gar nicht erst denken und eine Angliederung einiger Oblasten an Russland kann ich mir eigentlich auch nur schwerlich vorstellen. Im Augenblick hoffe ich auf eine dezentralisierte föderative Ukraine, in der verfassungsmäßig sowohl eine Separation als auch eine NATO-Mitgliedschaft ausgeschlossen sind.

Vielen Dank für das Interview.

Über die Dokumentation: „Ukraine – wohin?“

Ferseh-Tipp: Ukraine – wohin? Ein Land im Ausnahmezustand. Do., 05.06., 23:35 Uhr
Film von Martin Jabs, Martin Striegel und Jan N. Lorenzen

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